Ein Loch in der Brust

Heute Morgen stand ich auf und mein Brustkorb schmerzte. Ich fror und war noch müder als gestern bevor ich ins Bett ging. Der Schlaf ist auch nicht mehr das, was er war, dachte ich seufzend. Doch auch dieser Seufzer stach und ich fasste mir an die Brust.

Ich erstarrte. Ein grosses, faustdickes Loch zierte mein Brustkorb. Meine Finger fassten ins Leere. Wie konnte ich nur ohne Herz atmen? Schnell lief ich vor den Spiegel und sah mir die Bescherung an. Herrgottnochmal, verdammte Scheisse! Mein Herz war weg! Einfach weg. Herausgerissen und ein Loch hinterlassend. Ich rieb mir die Augen. Nein, ich schlief nicht. Mit offenem Mund betrachtete ich dieses Loch im Brustkorb. Mensch, ein Loch noch im Kopf und aller guten Dinge sind drei! Ich lächelte und wusste, ich spinne. Aber das war nichts Neues.

Da hörte ich ein leises Wimmern aus einer Ecke. Ich lebe in einer Loft, also so viele Ecken hat meine Wohnung nicht . Also wendete ich leicht meinen Kopf und meine Augen verengten sich. Sie suchten, aber ohne mich selber aus den Augen zu lassen. Denn ich war mir nicht ganz geheuer. Mein Kater konnte es nicht sein. Es hörte sich anders an. Mein Sohn war bei seinem Vater. Also drehte ich mir ganz den Rücken zu. Ich schaute nur noch kurz zurück in den Spiegel, um festzustellen, dass man das Loch sogar von hinten sah. Etwas geduckt und mit einem mulmigen Gefühl, schlich ich mich langsam an dieses Wimmern heran. Aber ohne Herzklopfen.

Und da sass es, mein Herz! Ganz klein und schrumpelig sah es aus. Ich hatte es mir anders vorgestellt. Ehrlich! Irgendwie stärker, röter und kräftiger. Aber es sah nicht wirklich gesund aus. Zusammengekauert wie ein Fötus, das Gesicht auf die Hände gestützt, welche auf den dünnen Knien Halt suchten. Es zitterte und wimmerte. Ich ging in die Knie und sagte: „He Kleines, komm schon, sei nicht traurig!“ Es hob den Kopf und rot verheulte Augen schauten mich an. „Komm in mich zurück. Ich kann so nicht zur Arbeit,“ hauchte ich mit sanfter Stimme. Es schüttelte trotzig den Kopf und weinte weiter. „Willst du zu ihm?“ Blitzschnell hob es den Kopf und nickte schnell. „ Er ist noch nicht hier, aber ehrlich, glaub mich, bald kommt er“. Es schaut mich zweifelnd an. Es glaubt mir nicht. Ich konnte es ihm nicht verübeln. Ich wusste ja auch nicht, ob es wahr war, was ich sagte. Man merkt es, wenn ich lüge. Zu meinem Bedauern oder auch zu meinem Glück muss ich sagen.

Ich setzte mich im Schneidersitz zu ihm hin und betrachtete es. Es sah völlig verloren aus und es gab mir das Gefühl, als seien wir zwei gestrandete Passagiere auf einer einsamen Insel. Seine Haut hatte kleine feine weisse Närbchen. Also so sah das aus, wenn sich der Schmerz verzieht und man keinen Liebeskummer mehr hat. Wenn die Zurückweisungen und Verletzungen heilen. Interessant! Eigentlich hatte ich mir das so vorgestellt, aber nie gesehen. Wie auch?

Doch die Zeit drängte. Ich musste zur Arbeit. Und ich überlegte mir fieberhaft, wie ich ohne Herz zur Arbeit soll. Denn es wollte offensichtlich nicht wieder zurück zu mir. Dann kam mir eine Idee. Ich lief zu meinem CD-Gestell und suchte fieberhaft. Da! Da war sie. Ich ging zum CD-Player schob die CD rein und gab die Nummer zwei ein. „In dulce jubilo“ von Bugge Wesseltoft. Zaghaft hörte man die die ersten Klavierklänge. Ein Zusammenspiel zwischen Ton und Stille. Und sanft spielte Bugge sein Stück, dem ich entzückt zuhörte. Da hörte ich es. Es tippelte zu mir, lächelte und ich sah, dass es ihm offensichtlich gefiel.

Ich bückte mich und streckte die Arme aus. Es hüpfte auf meine Hände und ich hielt es zärtlich fest umschlungen. Dazu summte ich die Melodie mit, wiegte mein Herz zum Takt. Und siehe da, ich spürte es wieder. Es schlug  in mir. Und eine wohlige Wärme durchströmte mein Körper. Ich atmete tief ein. Ah das tat gut, was für ein schönes Gefühl! Wir tanzten noch ein bisschen und es quietsche fröhlich. Ich war glücklich.

Im Zug schlug es dann friedlich. Wir waren wieder vereint, mein Herz und ich. Und beide hofften, dass er uns bald besuchen würde. Wir vermissen ihn.

by canela

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8 Gedanken zu “Ein Loch in der Brust

  1. @eichhorn: ok ok, ich sehe schon, dein hach jaa ist eine art kompliment.

    @phil: ähm du bist ja auch ein könsöltänt? oder sowas. das sind die ganz brutalen unter den bürofurzern. 😉

  2. nicht nur eine art Canela, ist das grösste das ich vergeben kann.
    allein die anzahl des a zeigt noch eine steigerung 😉

  3. Pingback: Corazón « el mundo de canela

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