Müssen ist manchmal besser als wollen

Wie schön! Heute hast du mich wieder zur Arbeit begleitet. Und wie immer, sassest du mir gegenüber. Ich vermisse dich, weisst du. Und dich mir vorzustellen, ist ein Trost. Ein schwacher.

Du hast meine Wange gestreichelt und das tat mir so gut, dass es meine Contenance fast ins Wanken brachte. Es fühlte sich wie ein Riss in der Staumauer an, wo sich nimmer müde das Wasser aus der Ritze drängt.

Der Zug hielt an und ein Mann mit mürrischem Gesicht stieg ein. Er fragte mich brummig: „Isch do frei?“ Ich mochte ihn auf Anhieb nicht, er hatte eine Ausstrahlung eines Arschlochs. Und sofort hatte ich meine Emotionen unter Kontrolle. „Jo, do isch frei!“ antwortete ich.

Ich schaute dich an und stellte fest, dass ich noch nie jemand so wollte wie dich. Es ist eine Qual und wirklich gut tut es noch nicht, dich zu lieben. Um mich abzulenken und um deine Aufmerksamkeit zu erhalten, behauptete ich provokativ: „Manchmal ist müssen besser als wollen“.

„Ist es nicht besser zu wollen?“ antwortetest du mir. „Nein müssen ist manchmal stärker. Weil mein Wille ist so stark und fest, dass er mich zerbrechlich macht. Ist der Stamm zu starr, bricht er. Wenn man hingegen muss, wird man von äusseren Faktoren beeinflusst. Flexibilität ist verlangt, weil man den Willen und die äusseren Umstände unter einen Hut bringen muss. Sich anpassen, heisst auch biegsam wie ein Bambusrohr zu sein.“ Erstaunt erwidertest du: „Wieso bist du so philosophisch? Du bist pragmatisch, leidenschaftlich, unberechenbar, klug und hitzig. Aber nicht philosophisch. Es geht dir Scheisse, nicht wahr?“ Ich nickte und mein Blick verlor sich im Bild voller farbiger Striemen, die Häuser und Wälder im Zugfenster hinterliessen. Darin ertrinken wäre auch ein schöner Tod gewesen.

„Ich versuche durch Denken, meinen wirklichen Zustand zu verdrängen. Denken entfernt mich von meinem Körper und Gefühlen. “ antworte ich trotzig. . „Was ist dein wirklicher Zustand?“ fragtest du mich. „Ach, ich will sterben.“ sagte ich leise. „Dass du immer sterben willst, wieso bist du immer so extrem?“ erwiedertest du aufgebracht. „Weil du meine Leidenschaft liebst!“ konterte ich noch trotziger. „Was hat das mit dem Sterben wollen zu tun?“ “ Leidenschaft ist ins Extreme zu gehen.“ meinte ich müde. „Ja, aber der Tod ist keine Lösung und schon gar keine Leidenschaft!“ “ Stimmt, für die, die hier bleiben nicht.““Das ist egoistisch und dumm. Und. Du willst gar nicht gehen!“ kontertest du laut.

Der Mann, der neben dir sitzt, glotzt mich blöde an. Ob er uns wohl hört? Kaum. Er nervt mich! Wieso musste er ausgerechnet gegenüber von mir sitzen? Neben dir! Ich kann nicht mal mich nach vorne beugen und deine Hand nehmen. Ich hasse es, wenn andere Menschen sehen, wie sehr ich dich brauche. Es zeigt mich verletzlich.

„Nein, ich will nicht sterben, aber ich will nicht mehr warten. Warten bedeutet, nicht jetzt zu leben. Du weisst, das passt nicht zu meiner Auffassung vom Leben. Man sehnt einen Zeitpunkt herbei und vergisst was gerade ist. Ich hasse das, es ist vergeudete Zeit, die mir niemand mehr zurückgibt. Ich liebe das Leben!“ meinte ich leise, damit der andere es nicht hört. „Du widersprichst dir.“ antwortetest du milde. „Ja, deshalb liebst du mich!“ lächelte ich dich an.

Dann wurde dein Blick ernst. „Wartest du auf mich?“ fragtest du ängstlich. „Ja, ich warte auf dich und ich gehe nicht. Ich bleibe hier. Auch hier in diesem Leben, wir haben uns ja etwas versprochen. Dass du in meinen Armen sterben wirst, wenn du gehen musst.“ seufzte ich traurig. „Dass du den Tod immer wieder in den Mund nimmst“, schnaubtest du verärgert. „Wenn man liebt, ist der Tod plötzlich so nahe, sagte doch mal die Friederike Mayröcker“.

Plötzlich hobst du deine Hand und legtest ihn auf meinen Mund, damit ich keinen Unsinn und keine Wahrheiten mehr von mir gebe. „Ich will leben und zwar mit dir!“ hast du mir gesagt und deine andere Hand gesellte sich zu der Ersten bis sie beide mein Gesicht hielten. Ich schloss die Augen und genoss die Wärme deiner Hände. „Ich auch mit dir. Solange es geht!“ antwortete ich und öffnete meine Augen wieder. Der Mann glotzte mich an. „Der Typ neben dir nervt.“ zischte ich böse. „Dann hau ihm doch eins in die Fresse.“antwortetest du grinsend und küsstest mich auf die Stirne. Wir kicherten.

by canela

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2 Gedanken zu “Müssen ist manchmal besser als wollen

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