Die Frau des Kommissars

Es war schon fast zehn Uhr nachts. Der Fisch sah ungeliebt verschrumpelt aus und der Salat war eine Schüssel aus schlaffen gelangweilten Blättern geworden. Wieder einmal war er nicht zum Abendessen erschienen. Und wieder einmal hat er sich nicht abgemeldet. Keinen Anruf und keine Mail. Nichts.

Die Kerzen brannten noch. Sie hatte die extra guten gekauft. Und der schöne Aschenbecher, für besondere Anlässe, lag auf dem Tisch jungfräulich, wie es das Nachtessen geworden war, unberührt. Der Rotwein schmeckte und tröstete sie. Und wenn sie das Glas hob, prostete sie dem leeren Stuhl zu.

Plötzlich klingelte das Telefon. Mit einem Ruck schnellte sie auf und rannte zum Apparat.

A: Ja, hallo Schatz?
S:Ähm hallo Anna, ich bin es Sarah.
A: Entschuldige, ich dachte es sei mein Mann.
S:Ist er wieder mal nicht zum Abendessen erschienen?
A: Ja, er ist einfach nicht gekommen.
S:Tut mir leid. Das ist aber letztens häufig geschehen was?
A: Ja, seit diesem Mordfall existiere ich nicht mehr. Es ist, als ob ich gestorben wäre. Er hat nur noch mehr getrunken, nur noch fern gesehen und fast nichts mehr geredet.
S:Ach Anna, vielleicht erholt es sich ja wieder. Ihr seid ja schliesslich schon lange zusammen. Ist eigentlich nicht heute…
A:Ja Sarah! Genau! Heute ist unser 10ter Hochzeitstag!
S:Verdammte Scheisse!
A: Genau, verdammte Scheisse ist der richtige Ausdruck! Aber sag mal, wieso rufst du um diese Zeit an?
Ich habe erfahren, dass ich eine 20jährige Ehe zerstört habe.
A: Uff………
S:Ja…..Uff!
A: Wie fühlst du dich? Und wieso hast du zerstört? Dazu gehören doch immer noch zwei.
S:Klar gehören zwei dazu, aber ich fühle mich im Moment so, als hätte ich etwas in Schutt und Asche gelegt.
A:Ich verstehe dich. Liebst du ihn?
S: Ja, wie noch nie jemanden!
A: Wahnsinn, ich beneide dich
S: Ich weiss nicht, das Ganze gestaltet sich schwierig und erfordert soviel Geduld. Ich bin doch so ungeduldig.
A: Wer sagt, das Liebe einfach sei?
S: Ja, wer sagt das eigentlich und wieso?
A: Eben, sicher irgend so ein Arsch!
S: Sag mal hast du getrunken?
A: Ja, fast die ganze Flasche. Ich verstehe, wieso mein Mann so viel trinkt. Es lässt dich vergessen und bringt dich auf neue Ideen. Bis ich nachher wohl kotze..
S: Ja, kotzen könnte ich auch im Moment. Ich bin es nicht gewohnt, solche tiefgreifende Ereignisse auszulösen!
A: Wer ist das schon?
S: Na andere halt. Die in den Soaps, in den Liebesromanen, im Kino, aber doch nicht ich im realen Leben!
A: Ich habe jetzt beschlossen auch eine Wendung meinem Leben zu geben!
S: He, mach keine Dummheiten und hör auf zu trinken! Sonst fahre ich zu dir und gebe dir eine Ohrfeige!
A: Sarah, du kennst mich doch.
S: Ja eben ….
A: Nein, ich habe jetzt soeben beschlossen, meinen Mann zu verlassen
S: Aber…. Herrgottnochmal Anna! Überstürze nichts!
A: Liebst du diesen Mann?
S: Von ganzem Herzen!
A: Na dann mach ich mich auf den Weg… Ich muss weg.
S: Ja aber du liebst doch deinen Mann, wieso willst du denn weg? Er ist schwierig, er trinkt zuviel, er redet fast nichts mehr. Aber Anna, Scheisse, du liebst ihn!
A: Ja, ich ihn schon. Aber seit diesem Fall, ist es als ob unsere Liebe mit diesen zwei Menschen gestorben wäre.
S: Diese zwei toten Menschen gesehen zu haben, muss auch hart gewesen sein. Es soll ein richtiges Blutbad gegeben haben.
A: Ja, aber sie sollen sich sehr geliebt haben. Darum muss ich jetzt weg, ich will herausfinden, was dieser Mordfall in unserer Beziehung ausgelöst hat. Danke, dass du angerufen hast! Deins wird gut. Ich weiss das.
S: Danke, ruf mich an, wenn du mich brauchst.

Sie begab sich zum Tisch, setzte sich an den unbenutzten Platz des Kommissars und nahm sich den Fisch vor. Sorgfältig filetierte sie ihn. Das Fischfleisch wehrte sich, es hatte sich am Fischgerippe festgekrallt. Doch sie nahm keine Rücksicht. Entschlossen entfernte sie alles, ausser den Kopf und das Gerippe. Diese lagen nun säuberlich hingelegt auf seinem Teller.

Dann ging sie ins Bürozimmer und holte ihr Briefpapier hervor Nein, das war zu gut! Sie legte es zurück in die Schublade und nahm einen gewöhnlichen Notizblock und schrieb:

Du bist toter als ein Fischgerippe!

Der Koffer war schnell gemacht. Sie nahm nur das Nötigste mit. Ballast abwerfen und sowenig wie möglich Erinnerungen einpacken.

by canela

Advertisements

4 Gedanken zu “Die Frau des Kommissars

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s