Mutter, Zug und sonderbare Menschen

Morgens im Zug flüstert Goldmund kurz vor seinem Tod zu Narziss: „Aber wie willst denn du einmal sterben, Narziss, wenn du doch keine Mutter hast? Ohne Mutter kann man nicht lieben. Ohne Mutter kann man nicht sterben.“ Ich bin von dieser Aussage so ergriffen, dass mir die Tränen hinunterkullern vor Rührung. Ich hole mir ein Tempo aus der Tasche und hoffe, dass sich meine Schminke nicht als Schatten meiner Tränen auf dem Gesicht abzeichnen. Gott, ich bin sentimental!

Dann höre ich die Türe des Abteils sich öffnen und der kleine grossköpfige Mann mit Brille jagt an mir vorbei. Wie jeden Tag streift er im fahrenden Zug durch die Abteile. Er hat einen gehetzten Blick und schnaubt wie ein Stier. Als würden ihn unsichtbare Geister verfolgen, sammelt er fleissig alle Zeitschriften ein, die auf den Sitzen liegen geblieben sind. Er gehört nicht zum Bahnpersonal, das habe ich in der Zwischenzeit herausgefunden. Ich glaube, er muss die Zeitungen einfach einsammeln. Dann warte ich auf die Frau mit dem grossen Hintern.

Keine fünf Minuten später erscheint sie. Sie ist klein, dick und kurzhaarig. Der Hintern wirkt wie ausgestopft und ihr Gang erinnert mich an das wackelnde Schreiten meines Sohnes. Ich glaube sie trägt Windeln. Dann verschwindet sie für zehn Minuten in der Zugstoilette und wackelt dann zurück. Das macht sie auch jeden Morgen.

by canela

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