Todeserfahrung

Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das
nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund,
Bewunderung und Liebe oder Haß
dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund

tragischer Klage wunderlich entstellt.
Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.
Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen,
spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt.

Doch als du gingst, da brach in diese Bühne
ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt
durch den du hingingst: Grün wirklicher Grüne,
wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald.

Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes
hersagend und Gebärden dann und wann
aufhebend; aber dein von uns entferntes,
aus unserm Stück entrücktes Dasein kann

uns manchmal überkommen, wie ein Wissen
von jener Wirklichkeit sich niedersenkend,
so daß wir eine Weile hingerissen
das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.

Rainer Maria Rilke 1907

In diesem Video wird dieses Gedicht auf italienisch rezitiert. Klaus Nomi singt dazu.

Falls jemand denken sollte ich sei traurig, ich bin es.


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6 Gedanken zu “Todeserfahrung

  1. *festedrück* Keiner konnte menschliche Empfindungen schöner verbalisieren als Rainer Maria Rilke. Ich sag auch nichts dazu. Fühl Dich aus der Ferne getröstet.

  2. „Habe Geduld
    gegen alles Ungelöste in deinem Herzen…“

    Ich schicke dir ein Lächeln aus dem andern Ende der Welt,
    und hoffe, dass sich die Trauer bald zurückzieht.

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