Kein 1.Klasse-Gesicht

Ich habe kein 1. Klasse-Gesicht und schon gar nicht ein 1.Klasse-Outfit. Seit heute weiss ich es genau, und ich geniesse es.

Seit Montag fahre ich mit dem Zug zur Arbeit. Wunderbare 48 Minuten lang kann ich lesen, in der Nase popeln (ich esse sie nicht, sondern spicke sie auf den Boden) Nase putzen oder irgendeinen Mist aufschreiben, der mir widerfährt, wie diesen hier. Darum fahre ich 1. Klasse.

Ich habe keine Lust, mir die Telefongespräche von irgendwelchen Obermackern anzuhören, noch irgendeinem Gekicher und Geschminke von jungen Girls beizuwohnen. Auch stinkt es mir, wenn ich mir ein Gerüchchen von einem Grässchen reinziehen muss. Mir wird übel, wenn sich jemand so nahe an mich heranquetscht, so dass mir die Salatreste zwischen den Zähnen zuwinken.

Outfitmässig passe ich aber ganz klar in die 2.Klasse! Turnschuhe, Jeans, T-Shirt und eine Daunenjacke. Beim Bahnhof angekommen, muss ich dann 20 Minuten zu Fuss ins Büro. Das kann ich mit meinen hochheissgeliebtenüberausgeilen hochhackigen Stiefeln nicht. Ausser ich würde auf Hühneraugen stehen. Was ich nicht tue, meine zwei Augen im Kopf genügen!

Da sitze ich nun heute morgen in der himmlischen Ruhe der 1.Klasse. und lese mein Buch „Die Vermessung der Welt“ . Es war so ruhig, dass man nicht einen leisen Pupser hätte loslassen können, ohne dass der Mitsitzer augenbrauenhochhebend und naserümpfend es bemerkt hätte.

Mein schräges linkes Gegenüber war männlich mit schönem grauem Anzug. Auf den Knien ruhte sein Laptop und er schaute sehr business-like in den Bildschirm. Sein direktes Gegenüber war eine ältere Dame, wahrscheinlich pensioniert, verwitwet und las „Frau im Bild“. Als ich mich setzte, schauten beide indigniert auf. Ich war leise, wie immer. Aber mein Aussehen passte nicht in die 1. Klasse. Wie konnte ich es nur wagen, die 1.Klasse Kaste so vor den Kopf zu schlagen?

Aber kommen wir zurück zu mir und meinem Buch. Ich hatte noch kein Gegenüber als sich da einer hinsetzte, der wie Snoop Doggy Dog in weiss aussah. So ein Yoouuu-Män-I-am-a-Pimp-Typ und grinste mich blöd an. Ich dachte, für einen Primaten starre er mich ziemlich unverhohlen an. Aber da ich meinen Blick in mein Buch vertieft hatte, bemerkte ich nur aus den Augenwinkeln, wie er genüsslich seine Nüsschen Gemächt hin und her schob.

Der graue Anzug und die Frau im Bild waren völlig entsetzt! Ich lass wie Gauss und Humboldt versuchten, den Gaussschen Sohn aus dem Gefängnis zu holen, als der Kontrolleur ins Abteil kam. Mein Pimp-my-Balls-Typ sah verdutzt drein. Er hatte wohl gehofft, die eine Station ungeschoren gegenüber dem Liddle Bitch sitzen zu können.

Artig zückte die Frau im Bild ihr GA und auch der graue Anzug hatte sein 1.Klasse GA dabei. Nun war der Gangsta-Man dran. Er hatte ein 2.Klasse Ticket. Ha! Sie hatten es gewusst! Mit freudigen Blicken schauten sich grauer Anzug und Frau im Bild an. Nun kommt das freche Fräulein dran, die sich so natürlich in die Sitze hineingelümmelt hatte, als wäre es ihr zuhause, dachten beide.

Die Komikfigur von Eminem stotterte und zeigte auf mich: Aber die die daaa…! Bedächtig zückte ich mein Abonnement hervor. Grazil öffnete ich es und zeigte dem Kontrolleur meine Zähne, mein Foto und meine Monatskarte. Danke! sagte er höflich. Und sie stehen jetzt auf sonst gibt es eine Busse, forderte er die Rap-Amöbe auf.

Ich nickte triumphierend der Frau im Bild und dem grauen Anzug zu. Und las weiter. O.k. ich ich hätte ihnen am liebsten den Stinkfinger gezeigt und die Zunge herausgestreckt!

by canela

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7 Gedanken zu “Kein 1.Klasse-Gesicht

  1. ich liebe deine geschichten! „gemächt“ ein altes wort und Rap-Amöbe als jüngere kreation finde ich schlicht und einfach nur geil. das nächste mal solltest du den stinkefinger zeigen, macht doch spass. 🙂

  2. @zores: rap-amöbe ist meine wortkreation. 😉
    wenn ich jedesmal das tun würde, was ich spontan möchte, hätte ich schon einige schwierigkeiten in meinem leben gehabt. ich übe contenance….

  3. 1. er starrt dich nicht trotz seines primatenstatusses an, sondern deswegen.
    2. rap-möbe ist eine wortbildung, genauer gesagt ein determinativkompositum, weil das bestimmungswort „rap“ das grundwort „amöbe“ semantisch näher bestimmt. 😀 *duckundweg*
    3. diese spezies gehören doch ausgerottet. eine beleidigung für uns, die seit 15 jahren und mehr rap hören.

  4. @schreihals
    zu 2. ist doch scheissegal, hauptsache mann/frau weiss was gemeint ist, du, du … du oberkorrektor 😉

    dafür bekommst du von mir das gezeigt ..I.. wenn du weisst was gemeint ist *grins*

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