Nähe – ein Urbedürfnis des Menschen

Als mein Söhnchen ein kleines Krümelchen war, hatte ich ihn immer bei mir. Er schlief in unserem Zimmer und manchmal auch in unserem Bett. Ich war immer in seiner Nähe, liess ihn nie schreien und reagierte immer auf ihn. Ich stellte mir vor, wie das für ihn sein musste, nicht mehr im meinem Bauch zu sein. Meinen Herzschlag nicht mehr zu hören oder mich zu fühlen. Wenn ich ihn stillte, gab uns dieser Akt – für eine kurze Zeit – das Gefühl ein einziger Mensch zu sein. Denn er und ich waren eins für 40 Wochen. Diese Nähe werden er und ich wohl nie mehr in dieser Form erleben.

Jetzt als Kleinkind holt sich mein Krümelmonster die Nähe, die er braucht, als wäre es das natürlichste der Welt. Er streckt die Arme aus und ich halte ihn fest. Oder sein Vater hält ihn und trägt ihn herum. Er küsst mich, wenn er Lust dazu hat oder streichelt mein Gesicht. So einfach ist das.

Wieso haben wir dann Erwachsene soviel Angst vor Nähe? Vor zuviel Nähe? Ab wann ist Nähe zuviel? Wieso halten wir uns gerne ein Plätzchen in unserem Herzen frei, das niemand betreten soll? Jetzt werden viele vielleicht sagen, weil wir nicht verletzt werden wollen. Aber wenn wir die kleinen Kinder betrachten, sie fallen um, stehen auf und gehen weiter. So lernen sie, so lernten wir gehen. Verletzungen gehören zum Prozess des Lernen und Begreifens.

Wenn man erwachsen ist, fürchtet man sich aber vor all zu grosser Nähe. Dabei wollen wir Einssein mit unserem Partner, sei es nur beim Akt. Aber Sex kann ein Trugschluss sein. Wer kennt dieses Gefühlt nicht, nach dem Liebesakt sich noch verlorener und einsamer zu fühlen, als ersie es vorher war?

Aber es gibt diese andere Nähe. Diese, die dich tief im Herzen berührt. Diese, die dich ahnen lässt, dass du nicht einsam bist. Wenn man sie nur einmal, nur eine Sekunde spürt, dann wundert man sich, wieso man sich immer so vor ihr gefürchtet hat.

by canela

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6 Gedanken zu “Nähe – ein Urbedürfnis des Menschen

  1. wir haben nicht angst vor der nähe, sondern vor der leere die da sein wird, wenn die/der, die nähe besetzt, nicht mehr nah sein will.

  2. Ob’s ein Schweizer Phänomen ist? Es gibt nämlich keine Versicherung dafür, dass der/die, welche(r) die Nähe besetzt für immer bleibt.
    Es gibt übrigens auch für das eigene Leben keine Versicherung: die heissen nur so, sind aber für die Hinterbliebenen gedacht. Ich finds schlimm, dass man aus Angst etwas Wundervolles nicht zulässt. Es gab Situationen, da wusste ich von Anfang an, das tut nachher höllisch weh ….. ich habs trotzdem zugelassen und wenn ich im Nachhinein daran denke war das das einzig Richtige. Geblieben ist nämlich in der Erinnerung mehr die schöne Zeit und die Schmerzen danach sind in den Hintergrund gerückt.
    Carpe diem!

  3. @jessn
    klar, es gibt weder garantie noch versicherung, dass die nähe bleibt. wir sind alle nur menschen, also polygam veranlagte primaten, mit der eigenschaft mehrere menschen gleichzeitig lieben zu können. das verhindert eine allzunahe nähe und lässt uns wundervolles erleben, ohne dass es nachher schmerzt. also, wie du richtig sagtest: carpe diem

    warum also soll ich jemandem gestatten, sich bei mir einzunisten um mich dann leer und mit schmerzen zurück zu lassen? und das alles nur weil es sie/ihn zwischen den zehen* beisst und kitzelt und er/sie eine(n) andere(n) kratzen lassen will.

    *zehen: gemeint ist die stelle zwischen den beiden grossen zehen. 😉

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