Beerdigung – eine sizilianische Mutter wird zu Grabe getragen

Heute nachmittag gehe ich an eine Beerdigung. Die Mutter einer Freundin starb. Ich sah ihre Mutter nur einmal und weiss nicht mehr, wie sie auf mich wirkte. Heute sehe ich sie zum zweiten und letzten Mal.

Ich war noch nie an einer Trauerfeier. Ich hasse kirchliche Anlässe und meide sie wie die Pest. Aber ich weiss, meiner Freundin bedeutet es viel. Sie ist Sizilianerin und gehört zu diesen Menschen, bei denen kirchliche Bräuche Standard sind. Ob man daran glaubt oder nicht, man tut es einfach. Weil man es schon immer tat. Ich mag diese Einstellung nicht, aber respektiere sie, weil es ein Teil ihrer sizilianischen Identität ist.

Meine Freundin litt immer unter dem Gedanken, dass sie ihre Mutter nicht wollte. „Ich war nie willkommen, ich war ein Unfall“ sagte sie uns oft. Sie hatte immer das Gefühl, ihre Mutter liebe sie nicht. Als Jugendliche wurde sie magersüchtig und hatte Angst vor Nähe. Was sich auf ihre Art mit Männer umzugehen auswirkte. Mit 22 erlebte sie zwar ihr erstes Mal. Aber nach dieser Beziehung blieb sie Single. 15 Jahre lang lebte sie ohne Nähe und Wärme eines Mannes. Bis sie ihren jetztigen Freund kennenlernte.

Sie hat Humor und weiss selber, dass ihre Art zu leben nicht zeitgemäss ist. Als sich die Beziehunge mit ihrem Freund anbahnte, fragen wir sie immer: „Und hast du jetzt oder nicht?“ Uns sie selber antwortete kichernd: „Ich bin sicher eingerostet dort unten“. Einmal nahm sie mich zur Seite und erklärte mir, dass sie froh sei, solange auf ihren jetzigen Freund gewartet zu haben. Ich verstand es nicht, was daran so toll sein soll. Aber sie verstand mich früher auch nicht und tadelte mich oft: „Una ragazza per bene non fa queste cose!“ (Ein anständiges Mädchen tut solche Dinge nicht) Dann lachte ich, drückte sie an meine Brust und küsste sie auf die Wange. Sie erwiderte dann lächelnd: „Sei una strega!“ (Du bist eine Hexe!)

Mit 32 zog sie aus. Trotz all den Traditionen, die sie gefangen hielten, gingen wir als Single oft zusammen weg. Wir waren ein wildes Gemisch von Italienerinnen und Spanierinnen, schmissen unzählige Tequilarunden und tanzten bis die Vögelchen „Guten-Morgen“ pfiffen. Sie ging immer brav alleine nachhause.

Auch wenn ich die kirchlichen Bräuche nicht mag, weiss ich , dass man Trauer einen Ausdruck geben muss. Und ich werde weinen, wegen ihrer toten Mutter, die sie sicher lieb hatte, aber wohl nicht wusste, wie sie es ihr zeigen sollte.

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