Der erste Kuss im Dezember

Bis zwölf fand ich mich ganz hübsch. Dann kam die Pubertät und mein Selbstbewusstsein platzte, wie die Pickel, die ich während dieser Zeit fleissig ausdrückte.

Seit geraumer Zeit beobachtete ich andere Mädchen, die auf dem Pausenhof rumknutschten. Ich bewunderte sie und wünschte, dass mich auch jemand küssen würde. Da ich aber zu schüchtern war, blieb es beim Wunsch. Stellvertretend liess ich zuhause meine Barbies die Kens küssen. Ich war 15 und hatte noch nie einen Zungenkuss erlebt.

Dann im Dezember geschah das Unfassbare. Ein Junge aus der anderen Klasse warb um mich. Es war ein schöner Bub mit grossen, schwarzen Augen. Er hiess Michelangelo und war begehrt bei den Mädchen. Doch ausgerechnet mich, das pickelgesichtige und magere Mädchen, fand er toll. Ich konnte es nicht glauben und mein Glückgefühl fuhr Achterbahn zusammen mit meiner Angst vor dem Zungenküssen.

Ein paar Tage später nach der Schule trafen wir uns unter dem Dach der Turnhalle. Es war kalt und es schneite. Als ich kam, stand er schon da. Ich schluckte leer und fühlte einen Kloss im Hals. Am liebsten hätte ich mich umgedreht und wäre weggerannt. Er lächelte mich an und hielt meine Hand. Ich guckte verlegen in die Luft. „Willst du mit mir gehen, Canela?“ „Jaaaa“ hauchte ich ganz aufgeregt. Er umarmte mich und wollte mich küssen. Erschrocken wandte ich das Gesicht ab. Er sollte nicht merken, dass ich keine Ahnung vom Zungenküssen hatte.

Ich hatte schon mit 8 Jahren Jungs geküsst, als wir Flaschendrehen spielten. Aber es waren diese schüchternen und unwissenden Küsse mit geschlossenem Mund. Einmal versuchte ein Junge, seine Zunge in meinen Mund zu schieben. Ich war so angewidert, dass ich ihn sofort zurückstiess und nie mehr ein Wort mit ihm sprach.

Aber jetzt hatte ich einen Freund. Das war was anderes. Irgendwann musste ich ihn küssen mit allem drum und dran. Also übte ich fleissig zuhause mit dem Spiegel. Der Spiegel schmeckte schrecklich nach Ajax. Dass ich mir keine Vergiftung holte, ist mir heute noch ein Rätsel.

Eine Woche verging. Sie war lange, weil ich schon eine ganze Woche einen Freund hatte. Sie war viel zu kurz, weil ich wusste, er wollte endlich schmusen.Wir hielten zwar Händchen, küssten uns auf die Wange und er umarmte mich oft. Aber er wollte mehr. Ich auch, nur hatte ich keine Ahnung wie man sowas macht und ich wollte keine Versagerin sein.

Am Samstag, nach der Schule, als wir noch die Einzigen händehaltend in der Kälte waren, hielt er plötzlich meinen Kopf fest und küsste mich. Seine Lippen berührten meine und als sich sein Mund öffnete, machte ich es ihm nach. Ich wusste nicht, musste nun mein Mund genau auf seinem passen? Musste meiner grösser sein als seiner? Oder eher kleiner, weil ich das Mädchen war?

Dann spürte ich seine warme Zunge in meiner Mundhöhle, welche langsam kreiste. Himmel, was sollte ich tun? Ich versuchte immer in Gegenrichtung seiner Zunge zu gehen. Keine Ahnung, ob das richtig war oder nicht. Darf ich seine Zähne berühren? Und, Herrgottnochmal, was macht man mit den Nasen? Die störten.

Mir fiel das erste mal im Leben auf, wie weich die Zunge unten war und und rauh an der Oberseite. Ich konzentrierte mich sehr, wollte nichts falsch machen. Er riess seinen Mund weiter auf, ich tat es ihm nach. Unsere Zungen tanzten und schlängelten. Doch niemand hatte mir erzählt, wie man bei einem Zungekuss atmet. Also hielt ich die Luft an. Mir wurde zusehends schwindeliger. Die Aufregung und Nervosität, plus die Luftleere im Kopf drohten, mich umkippen zu lassen. Ich hoffte inbrünstig, der Kuss möge aufhören.

Endlich! Unsere Lippen lösten sicht. Ich japste und schnappte nach Luft. . Er hielt mich, damit ich nicht umfiel. Ich torkelte und er war ganz stolz, weil er dachte, er sei der Superküsser. Jetzt waren wir ein richtiges Paar!

by canela

10 Gedanken zu “Der erste Kuss im Dezember

  1. 🙂

    Merci für die sinnliche Anteilnahme und das Fliessen der eigenen Eirinnerung. Gopf. Schön wars. Und ists.

    Und….ich liebe diese hochspannende Nanosekunde bevor die Lippen sich treffen. Wenn alles noch überraschend ist und brisant stimmig. Der Moment an dem der ganze Blutkreislauf sich hinter dem Sonnenegeflecht sammelt um….

    Ach ja. *seufz*

  2. @globy: ich hoffe,dass ich mittlerweile küssen kann

    @phil: du warst aber ein schelm

    @:-) falki das kenne ich auch, gell komisch ist das, grins

    @wintermond@ so sinnlich war das erste mal eben nicht. aber bevor sich die lippen treffen ist es wirklich schön. vorausgesetzt man atmet…..

  3. Dear Canela

    To try out something for the first time is always an adventure! (even if it is just drinking too much wine 😦 as I experienced this weekend)

    Maybe it’s like to give a silly performance in front of 100 people?
    Somehow horrible, somehow good fun?

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