Schreibstau oder Ehrgeiz

Ich habe keinen blassen Schimmer, wieso ich keine Geschichte fertig kriege. Seit Wochen fliessen die Ideen zwar in meinen Kopf hinein, doch es blüht nichts! Kaum ist eines der vielen Blümchen aufgekeimt, verfault es und flutscht vermodert als Gülle wieder heraus. Dampfende blubbernde Scheisse, die sich wie ein Lavastrom auf das unberührte Papier ergiesst. In diesem grauslichen Brei spriessen zwar ein paar Buchstabenfetzen, sogar Wörter und Sätze. Doch nach einer Seite werden sie von der stinkenden Masse erdrückt und ersaufen jämmerlich im Magma des Nichts. Das Resultat ist dickflüssiger Mist, den ich zu Papier bringe.

 

Mein Ehrgeiz quält und erniedrigt mich. Er vermiest mir jede Geschichte, die ich beginne zu schreiben. Er verunsichert mich, tritt mir in den Hintern, schlägt auf meine Wange und nennt mich Versagerin. Ich ignoriere ihn. Will ihn verdrängen. Er stört mich. Denn er vertreibt meine Phantasie und meinen Durchhaltewille.

Mein Ehrgeiz meldet sich nach einer Seite. Leise und unauffällig setzt er sich auf meine Schulter. Er krallt sich an meinem Genick fest und peinigt mich. Frisst sich in mein Ego hinein, vergiftet meinen Mut und meine Geschichte endet als „einseitige“ Fehlgeburt.

 

Nach meiner ersten Seite paart sich mein Ehrgeiz sofort mit meiner Verunsicherung. Sie feiern ausgelassen Hochzeit und machen sich über mich lustig. Dann bringen sie den Selbstzweifel zur Welt. Gross und stark greift er mein Selbstvertrauen an. Er beisst es in den Hals, saugt den Mut raus und tötet meinen Durchhaltewillen weiterzuschreiben.

 

Keine Erzählung will mehr als eine Seite wachsen. Nichts macht die Anstalt, nur im Entferntesten, sich als gute Story zu entpuppen, die es wert ist, überhaupt weiterverfolgt zu werden. Ich bin verzweifelt. Die Ideen liegen wie bunte Bauklötze da. Es sind so viele, dass ich mich nicht entscheiden kann, welche Farbe und Form ich auswählen soll. Wähle ich eins aus, langweilt es mich nach kurzer Zeit und mein Selbstzweifel feiert wieder ungezwungen Party. Mein Kopf wird leer.

 

Ich brüte vor der gähnenden Öde. Die Leere zeigt mir rotzfrech den Stinkfinger. Verhöhnt mich, streckt mir ihre grüne schleimige Zunge heraus. Dicke Eiterbeulen überziehen ihren Körper. Ich schlucke meine aufsteigende Wut und lächle sie hilflos an. Einlullend flüstere ich ihr nette Worte ins haarige Ohr, streichle ihr über den Kopf, kneife sie liebevoll in den wabbeligen Hintern, kraule sie sanft am Hals. Komm schon, geh weg! Doch sie weigert sich. Dieses Luder von Leere bleibt. Im Gegenteil, sie scheint sich an meinem Frust zu vergnügen, sie wächst, wird draller und breiter. Sie verdrängt meinen Mut, meinen Willen, mehr als nur eine Seite zu schreiben.

 

Im Zug sitzend kritzle ich in mein Büchlein rein. Ich notiere und schreibe, quäle lustlos das karierte Papier. Schon während des Schreibens habe ich das Gefühl nur Schrott zu produzieren. Das innere Feuer, die Gier zu schreiben, ist wie weggeblasen und erloschen. Nach der ersten Seite starre ich gelähmt das Geschriebene an. Die Sätze sind bescheuert und banal. Das Erzählte ist langweilig. Bei jedem Satz, fühle ich mich mehr und mehr wie eine Niete. Entsetzlich, dieser Mist!

 

Mit finsterem Blick blättere ich zwei leere Seiten weiter und fange einen neuen Stoff an. Doch je mehr ich webe, desto angewiderter bin ich vom Muster. Das Bedürfnis weiter zu schreiben lässt nach. Die Verzweiflung macht sich breit. Wie ein träges Monster, frisst es laut schmatzend meine Phantasie auf. Es macht keine Anstalten sich weiter zu bewegen. Ein Riesenrülpser dröhnt aus seinem Maul. Eine Welle durchfährt den schwammigen Körper, welche dann in ein sanftes Zittern ausklingt. Traurig schaue ich aus dem Zugsfenster während die Verzweiflung wohlig vor sich hindöst und meinen ganzen Einfallsreichtum und Ausdauer verdaut.

 

Wenn ich dann abends vor dem PC sitze und ich das Handgeschriebene abtippte, wird es mir nochmals mulmig. So eine Kinderkacke kann ich doch niemanden zumuten! Frust und Wut steigen auf. Wie ein Krebsgeschwür vergiften sie meine Laune. Und das Eingetippte, diese eine mickrige Seite, kichert mich mit verfaulten, übelriechenden Zähnen an. Widerlich dünn fast wie ein Skelett mit nur Haut überzogen, gafft es mich an. Es ist nur eine lächerliche Seite, denn mehr schaffe ich nicht. Und diese magersüchtige Seite grinst mich hämisch an. Ihre grossen Augen quellen aus dem mageren Gesicht heraus. Dunkle Augenringe umgeben die Glubschaugen. Ihr kahler Kopf glänzt speckig. Und ihre Ohren stehen ab. Sie schneidet Grimassen, verhöhnt mich. Nennt mich Niete. Streckt mir die Zunge raus, dreht sich und lässt ihre Hosen herunter. Sie zeigt mir ihren ausgemergelten Arsch und furzt.

 

Während ich mich angewidert wegdrehe, fällt mich wieder der Selbstzweifel an. Wie eine riesige Lawine überrollt er mich. Erschlagen sitze ich vor dem PC. Sogar meine Katze, die sich auf dem Tisch lümmelt, scheint sich über meine Verzweiflung zu amüsieren. Ich scheuche sie vom Tisch weg und fahre den PC runter. In ein paar Tagen werde ich es wieder versuchen.

(ich wollte testen, ob ich noch gross- und kleinschreiben kann 😉 )

by canela

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5 Gedanken zu “Schreibstau oder Ehrgeiz

  1. na, das ist ja schon mal nicht so übel. auf dem sollte sich doch aufbauen lassen 😉 vielleicht hast du anderes, das dich vom schreiben abhält. räum das weg, und selbstzweifel und leere werden keine chance mehr haben gegen deinen ehrgeiz, gegen deine fantasie und gegen dein können.

    gute nacht
    zores

  2. Jesses Frau!!!

    Na ja, Kind, Job, Haushalt, Mann … plus schreiben! Das ist kein Zuckerschleck. Zwingen bringt nichts, wenn es nicht fliesst, dann fliesst es nicht … hat aber nichts mit dir zu tun, sondern mit den Musen die nicht küssen.

    Hmmm ja, Gross und Klein, geht doch noch 🙂

  3. solche phasen habe ich amigs auch… dann lass ich es ganz einfach bleiben, bis mir wieder danach ist und dann geht es meist wie ganz von selber wieder los…

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