Verfasst von: canela | 16. Juni 2007

Sie schläft nicht

Oft ging sie früher ins Bett als er. Wenn sie sich von ihm verabschiedete, küsste er sie und sagte: „Wir sehen uns in deinen Träumen. Lass mir einen Türspalt offen, damit ich weiss, dass ich willkommen bin“.

Als er vom Schreibtisch aufstand, war es späte geworden. Er fuhr den Computer runter und löschte das Licht in seinem Arbeitszimmer. Dann, auf leisen Sohlen, begab er sich vor die Türe und sah, dass sie ihm wie die Türe einen Spalt breit offen gelassen hatte. Als ob das Zimmer der Eingang zu ihren Träumen wäre! Er lächelte. Nur schon wegen diesem Ritual liebte er sie.

Aber sie schlief nicht, und das Licht seiner Tischlampe schenkte dem Schlafzimmer ein Lichtschwert am Boden. Meist wartete sie mit geschlossenen Augen auf ihn.

Er wollte ihren Atem hören und horchte an der Türe, bevor er in Bad ging. Das tat er jeden Abend.

Doch dieses Mal hörte er nichts und das machte ihn stutzig. Sachte öffnete er die Türe und schlich sich leise hinein. Doch statt sie atmen zu hören, empfing ihn ein Platschen. Als ob er durch Wasser waten würde. „Haben wir einen Rohrbruch?“ dachte er. Und schritt weiter voran. „Wo zum Teufel steckt denn das Bett?“ fragte er sich. „Wie kommt es, dass mir das Zimmer heute so gross erscheint?“ Und statt weniger zu werden, kroch das Wasser schon an seinen Beinen empor.

„Liebste!“ rief er. „Wo bist du? Was ist hier los? Woher kommt das Wasser? Hörst du mich?“ Doch statt eine Antwort zu erhalten, hörte er nur ein dumpfes Rauschen und Blubbern. Das Wasser spritze bis zu seinem Gesicht hinauf. Ein Tropfen verirrte sich auf seinen Lippen. Doch das war nicht Wasser. Es war Blut, er kannte den Geschmack gut, wenn er sich in die Zunge biss. „Verdammte Scheisse, Liebste, wo bist du? Hier ist alles voll Blut!“ brüllte er völlig entsetzt.

Er bekam keine Antwort. Plötzlich hörte das Rauschen auf und es wurde still.Er versuchte im Dunkeln etwas zu erkennen, ohne Erfolg. Da hörte er ein Wimmern und Jammern. Es kam von einer Ecke. Der Raum schien heller zu werden oder seine Augen hatte sich an die Dunkelheit gewöhnt, jedenfalls sah er ein kleines Kind. Ein Auge hing ihm aus der Augenhöhle heraus und sein linkes Händchen war völlig zerquetscht, als wäre eine Walze darüber gefahren. „Mein Gott Kleiner, was ist dir passiert?“ schrie er entsetzt. Kleine Schweisströpfchen bildeten sich auf seiner Stirne und sein Herz raste wie verrückt.

Plötzlich hörte er ein Klingelzeichen eines Lifts. Er drehte seinen Kopf nach hinten und sah die Türe sich öffnen. Seine Liebste mit einem Kind im Arm. „Liebling, was ist das, wo sind wir!“ brüllte er wie ein Irrer. Und als er auf sie zuging, schloss sich die Lifttüre vor seiner Nase. Doch der Kopf des Kindes ragte zwischen den Lifttüren hervor. Es schrie und schrie, bis die Schreie zu einem Gurgeln wurden. Er hämmerte auf den Liftknopf. Vergebens, er öffnete sich nicht. Und plötzlich sah er wie der Kopf  des Kindes nach oben gerissen wurde, an der oberen Kante  des Liftrahmens aufprallte, sich löste und zu Boden fiel.

Er war erstarrt vor Schreck und Grauen. Wo um Gottes Willen war er gelandet?  Er sah den kleinen Kopf auf dem Boden an. Eine kleine, warme Hand fasste ihn an der Schulter und er schreckte auf. „Liebster, du bist eingeschlafen, ich habe auf dich gewartet.“ Sie betrachtete ihn. „Hast du schlecht geträumt?“ Er schaute sie mit grossen Augen an und flüsterte: „Ich glaube, ich war in deinem Traum.“ Ihre Hand strich über seine Wange. „Du bist wohl in einer meiner Albträume gelandet was?“ Er nickte benommen. „Ich habe dir schon erzählt, dass ich keine Horrorfilme sehen kann. Ein Teil meiner Phantasie ist genauso schrecklich. “ erklärte sie ernst. Er nickte nochmal. „Komm lass uns schlafen gehen!“ Er stand auf und ging ins Bad.

Als er ins Schlafzimmer eintrat, hielt er kurz inne. Er hörte ihren ruhigen Atem. Schnell schlüpfte er unter die Decke und rückte ganz Nahe an ihren Körper. Er drückte seine Nase in ihr Haar und atmete ihren Duft ein.

by canela


Antworten

  1. du machst mich immer wieder sprachlos…

  2. klasse :o )

  3. schaurigschön!

  4. gefällt mir :-)

  5. @käferchen: na hoffentlich im positiven sinne ;-)

    @eichhorn: :-)

    @pipollina: merci viu mou!

    @globy: mir auch ;-)


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